Im Jahr 2017 kam es in der Rostocker Innenstadt zu mehreren Massenschlägereien zwischen jugendlichen Gruppen, einer Serie bewaffneter Raubüberfälle von einer Bande 14 bis 22Jähriger, einer Unzahl von Körperverletzungen, Sachbeschädigungen und vielen anderen Straftaten.

Das Gewaltpräventionsprojekt: „Sport is your Gang“ wurde ins Leben rufen, um die soziale Integration und Toleranz von orientierungssuchenden Kindern und Jugendlichen, die aus ökonomisch schwächeren Verhältnissen stammen, zu fördern.

Unter dem Arbeitstitel: „Sport statt Gewalt – Vom Stadtwall zum Thaiboxen“ startete mit Unterstützung der „Partnerschaft für Demokratie der Hansestadt Rostock“ am 04.10.2017 das Gewaltpräventionsprojekt der Abteilung Thaiboxen (PSV Rostock e.V.).

Jeden Mittwoch und Freitag trainieren zwischen 10 und 20 Jugendliche kostenfrei und unter den strengen Auflagen des Ehrenkodex der Abteilung in der OSPA-Arena. Seit Projektbeginn ist kein(e) Teilnehmer(in) strafrechtlich auffällig geworden.

Die körperlichen Herausforderungen des Trainingsalltags sollen zunächst aufgestaute Aggressionen abbauen und das Selbstwertgefühl der Heranwachsenden stärken. Gleichzeitig wird durch stetiges Vermitteln und Vorleben von gemeinsamen liberaldemokratischen Grundwerten ein Vertrauen zu den Trainern und anderen Sportlern erzeugt. Ein Wir-Gefühl innerhalb der Trainingsgruppe soll sich festigen, Die Teilnahme am Projekt „Sport is your Gang“ ist für Kindern und Jugendlichen vollständig kostenfrei.

Während der ersten Projektphase baute die Abteilung Thaiboxen die durchschnittliche Teilnehmeranzahl durch eine enge Kooperation mit der Rostocker Polizei und Staatsanwaltschaft, den Leiter(innen) der örtlichen Gemeinschaftsunterkünfte, vielen Streetworkern und Sozialarbeitern an Schulen kontinuierlich aus. Im stetigen Austausch mit den Institutionen der Strafverfolgung wurde das pädagogische Konzept der Maßnahme soweit verfeinert, dass Polizei und Jugendgerichte straffällig gewordene Jugendliche als erzieherischen Akt zur Teilnahme delegieren wollen.

Neben der Projektinitialisierung durch eine umfangreiche und intensive Netzwerkarbeit bzw. die Teilnehmergenerierung war vor allem die Teilnahmefluktuation das Hauptproblem der ersten Projektphase. Die große Anfangseuphorie der Jugendlichen über die ersten Trainingserfolge wich zu oft der Tristesse der Alltagsroutinen im Schulbetrieb oder in den Flüchtlingsunterkünften oder einer allgemeinen psychisch bedingten Antriebslosigkeit. Wir wollen uns an dieser Stelle von einem Motivationscoach beraten lassen, um nachhaltig zu begleiten, zu fördern und zu begeistern.

 

Initiatoren/ Träger

PSV Rostock e.V., Abteilung Thaiboxen

 

 

Projetteilnehmer

Das Gewaltpräventions- und Sportintegrationsprojekt: „Sport is your Gang“ richtet sich an einheimische und geflüchtete Kinder und Jugendliche aus ökonomisch benachteiligten Verhältnissen in der Hansestadt Rostock. Wir planen eine von zwei Trainern betreute Trainings  für ca. 30 Sportlerinnen und Sportler im Alter von 12 bis 18 Jahren.

 

Ergebnisse

Das Thaiboxteam des PSV Rostock e.V. aus Sportlern(innen) und Trainern(innen) diskutierte lange und kontrovers über die Verantwortung, die pädagogischen Herausforderungen und die organisatorische Umsetzbarkeit verhaltensauffälligen Jugendlichen durch regelmäßiges Kampfsporttraining einen sozialen Rückzugsraum zu schaffen und ihnen einen Wertekanon zu vermitteln.

Ausschlaggebend für den Beginn der Planungen zur Umsetzungsgestaltung der Maßnahme war die Bereitschaft einer Vielzahl von Abteilungsmitgliedern, sich im Rahmen dieses Projektes zu engagieren. Unter Berücksichtigung der Erfahrungen anderer Abteilungen des Vereins mit der Durchführung von Projekten, bei denen verhaltensauffällige Jugendliche involviert waren, formulierten wir ausgehend von den Projektzielen eine detaillierte Projektskizze, die durch die Projektverantwortlichen: „Ayman Al Nassif‘ (Projektleiter) und „Ratet) Hatahet“ (Trainer) gemeinsam mit dem geschäftsführenden Vorstand Herrn Marko Zülske und Herrn Radzimski dem Präventionsrat der Hansestadt Rostock im September 2017 als Gesamtkonzept vorgestellt wurde

Unter der Mithilfe eines externen Marketingberaters erstellten wir einen zielgruppenorientierten Flyer und wandelten den Arbeitstitel: „Sport statt Gewalt – Vom Stadtwall zum Thaiboxen“ in den Projektnamen: „Sport is your Gang“. Es wurden für dieses Projekt Boxhandschuhe, Bandagen und Trainingsutensilien gekauft.

Mit der Fertigstellung des Werbematerials startete für die Abteilung und insbesondere für Frau Ja ueline Einfeldt eine Phase des Generierens von Kooperationspartnern im Bereich Jugendarbeit, um möglichst breit potentiell Interessierte junge Menschen ansprechen zu können. Wir suchten zunächst den Kontakt zu Streetworkern und Sozialarbeitern bspw. vom Balance of Power e.V.“ oder „Soziale Bildung e.V.“ und erhielten ein ausschließlich positives

Feedback zu unseren Projektideen, gepaart mit einer Mitwirkungsbereitschaft. Zusammen mit den Sozialarbeitern sprachen wir an den sozialen Brennpunkten: in den Gemeinschaftsunterkünften „Satower Straße“ und „Langenort“, am Stadtwall in der Innenstadt, am KTC, und am Hafen die Jugendlichen direkt an. Gerade bei den latent gewaltbereiten und verhaltensauffälligen jungen Menschen war es hilfreich, ihnen beim Erstkontakt mit einem vertrauten Gesicht zu begegnen.

Mit gespannter Erwartungshaltung starteten wir den Trainingsbetrieb am 15. November 2017 in der OSPA Arena. Um den Einstieg der Jugendlichen in den regelmäßigen Trainingsbetrieb zu erleichtern, wurde das Work-out dreigeteilt:

(1) koordinatives Warm-up,

(2) Vermittlung der Basistechniken und abschießend

(3) Kraft-Ausdauer-Training.

 

Jede Trainingsphase ist geprägt von klaren und überprüfbaren physischen und kognitiven Anforderungen. Wir forcieren einen Weg von einer Fremdkorrektur durch die Übungsleiter, über eine gegenseitige Berichtigung untereinander hin zu einer aktiven Selbstwahrnehmung und Selbstkorrektur der Sportler. Bis Ende Januar konnten 17 Jugendliche für das Projekt begeistert werden, die mit unterschiedlicher Häufigkeit am Training teilnehmen. Durchschnittlich sind 10 Jugendliche in der Halle.

Am 08. Dezember 2017 durften wir während des Thaiboxens überraschend den Staatssekretär (im Ministerium Bildung, Wissenschaft und Kultur, Mecklenburg-Vorpommern) Herrn Sebastian Schröder, den Rostocker Oberbürgermeister Herrn Roland Mehtling und den Rostocker Polizeidirektor Herrn Michael Ebert begrüßen, die vor Ort einen ungefilterten Eindruck von der Umsetzung der Projektideen im Trainingsalltag gewinnen wollten. Im direkten Austausch der Anwesenden mit den Jugendlichen, welche der Polizei zum Teil bereits bekannt waren, entstand die Idee einer dauerhaften Zusammenarbeit der Organe der Strafvorbeugung und Strafverfolgung.

 

Perspektiven

Seit Anfang Januar 2018 finden rollierend Planungs- und Beratungstreffen bei der Polizei Rostock u.a. mit Herrn Bartsch (Präventionsbeauftragter der Rostocker Polizei) statt, um das pädagogische Konzept von „Sport is your Gang“ weiter zu verfeinern. Jugendgerichte, Staatsanwaltschaft und Polizei wollen straffällig gewordene Jugendliche als erzieherischen Akt zur Teilnahme verpflichten.

Des Weiteren soll unser Projekt der Rostocker Polizei als Möglichkeit dienen, um mit potentiellen Problemgruppen proaktiv ins Gespräch zu kommen und Konfliktpotentiale aufzuzeigen. Hierzu sind Informationsveranstaltungen der Abteilung Thaiboxen für die Bewohner der Gemeinschaftsunterkünfte „Satower Straße“ am 22. Februar 2018 und in „Langenort“ am 26.02.2018 gemeinsam mit der Polizei vorgesehen.

Trotz all der positiven Resonanz stellen wir bei der Umsetzung von „Sport Is Your Gang“ auch tiefgreifende Probleme fest. Die große Anfangseuphorie der Jugendlichen über die ersten Trainingserfolge weicht zu oft der Tristesse der Alltagsroutinen im Schulbetrieb oder in den Flüchtlingsunterkünften oder einer allgemeinen psychisch bedingten Antriebslosigkeit. Als Reaktion darauf begannen wir im Dezember 2017 gestützt auf das ehrenamtliche Engagement unser Abteilungsmitglieder die Jugendlichen direkt aus den Unterkünften abzuholen. Mittelfristig ist dies mangels finanzieller Ausstattung (bspw. für Fahrscheine) aber nicht aufrechtzuerhalten.

 

Weiterführende Links

Webseite des PSV Rostock

Projektvorstellung zum Rostocker Engagementpreis 2018